Sachsen-Anhalt: Gewürzkammer Deutschlands
Der Anbau von Arznei- und Gewürzpflanzen hat in Sachsen-Anhalt eine lange Tradition. So wird Majoran seit über 130 Jahren im Harzvorland um Aschersleben, Bernburg und Calbe (Saale) kultiviert. Neben weiteren bedeutenden Kulturen wie Thymian, Fenchel oder Einjährigem Kümmel kommen immer wieder neue Pflanzen, z.B. Schwarzkümmel, hinzu. Insgesamt bauen die Landwirte auf etwa 1.000 ha diese Spezialkulturen an.
Dabei wirken sich verschiedene Herausforderungen auf den Anbau von Arznei- und Gewürzpflanzen aus. So führte Trockenheit in den letzten Jahren zu merklichen Ertragseinbußen. Gleichzeitig geht die Zahl der zur Verfügung stehenden Pflanzenschutzmittelwirkstoffe zurück. Darüber hinaus haben Anbauer mit steigenden Kosten zu kämpfen.
Dennoch ist eine hohe Qualität der erzeugten Produkte für die erfolgreiche Vermarktung unerlässlich. Dafür liefern Züchtung, Forschung und Beratung unverzichtbare Grundlagen. Die schnelle Umsetzung wissenschaftlicher Erkenntnisse ist dabei ein entscheidender Faktor für die Konkurrenzfähigkeit des einheimischen Arznei- und Gewürzpflanzenanbaus. Die über viele Jahre gewachsene Kompetenz der beteiligten Partner (Berater, Anbauer und Verarbeiter) erweist sich als entscheidender Standortfaktor für Sachsen-Anhalt.
Versuchswesen Arznei- und Gewürzpflanzen
Um den Herausforderungen des Anbaus von Arznei- und Gewürzpflanzen zu begegnen und praxisrelevante Lösungen zu finden, werden an der Landesanstalt für Landwirtschaft und Gartenbau (LLG) Feldversuche zu verschiedenen Themenschwerpunkten durchgeführt.
Lückenindikation
Bei den Arznei- und Gewürzpflanzen handelt es sich um Sonderkulturen, die im Vergleich zu den Hauptkulturen im Ackerbau, auf kleiner Fläche angebaut werden. Dieser Umstand führt in den Arznei- und Gewürzpflanzen zu Bekämpfungslücken im Pflanzenschutz, da die Zulassung vorhandener Pflanzenschutzmittel in den Sonderkulturen aus Sicht der Pflanzenschutzmittelindustrie oft nicht wirtschaftlich ist. Das bedeutet, dass für die Regulation von Schädlingen, Krankheiten, aber auch Beikräutern nur wenige oder keine Pflanzenschutzmittel zur Verfügung stehen.
Um solche Bekämpfungs- oder Indikationslücken zu schließen, werden Verträglichkeits-, Wirkungs- und Rückstandsversuche an der LLG durchgeführt. Durch diese Versuche wird geprüft, ob ein Pflanzenschutzmittel in der untersuchten Kultur einsetzbar ist. Ziel ist es, den Zulassungsbereich des jeweiligen Pflanzenschutzmittels, nach Artikel 51 der Verordnung (EG) Nr. 1107/2009, auf die untersuchte Kultur zu erweitern und so die Bekämpfungslücke zu schließen.
Versuche dieser Art werden nicht nur in Bernburg, sondern bundesweit durchgeführt. Der LLG obliegt hierbei mit der Leitung der Bund-Länder-Unterarbeitsgruppe Heil- und Gewürzpflanzen, eine wichtige Koordinierungsaufgabe!
Einen Überblick über die bearbeiteten Kulturen und die Ergebnisse der Versuche gibt der Versuchsbericht des jeweiligen Jahres.
Ansprechpartnerinnen für weitere Fragen:
- Frau Dr. Karlstedt-Dorst (Versuchskoordination Lückenindikation; Frances.Karlstedt-Dorst(at)llg.sachsen-anhalt.de ) und
- Frau Dr. Kusterer (Versuchsanstellung Lückenindikation; Annette.Kusterer(at)llg.sachsen-anhalt.de).
➔ Aktuelle Veröffentlichungen:
Aktueller und ältere Versuchsberichte
Boniturhilfen
Die Landesanstalt für Landwirtschaft und Gartenbau erarbeitet Boniturhilfen für die Einordnung der Entwicklungsstadien verschiedener Arznei- und Gewürzpflanzen. Dadurch soll Landwirten eine Unterstützung gegeben werden, um etwa die Anwendung von Pflanzenschutzmitteln termingerecht durchführen zu können.
➔ Boniturhilfen hier veröffentlichen
Sortenversuche
Darüber hinaus unterstützt die Landesanstalt die Arbeitsgruppe ‚Sorten‘ des Deutschen Fachausschusses für Arznei-, Gewürz- und Aromapflanzen. Die letzte beschreibende Sortenliste für Arznei- und Gewürzpflanzen stammt aus dem Jahr 2002. Somit stehen Landwirten, bei der Auswahl der für ihren Betrieb optimalen Sorte, oft nicht ausreichend Informationen zur Verfügung! Durch Sortenversuche sollen wieder aktuelle Informationen gewonnen und zur Verfügung gestellt werden.
Feldtag
Die Versuchsanstellungen und deren Ergebnisse werden jährlich zum im Juni stattfindenden Feldtag vorgestellt und diskutiert. Der genaue Termin und die dazugehörige Einladung kann dem Terminkalender der Landesanstalt für Landwirtschaft und Gartenbau entnommen werden.
Winterseminar Saluplanta in Bernburg
Die Landesanstalt für Landwirtschaft und Gartenbau ist Mitveranstalter des jeweils im Februar stattfindenden „Bernburger Winterseminars Arznei- und Gewürzpflanzen des Saluplanta e.V.“ Dabei handelt es sich um die größte jährlich stattfindende Tagung des Fachgebietes, welche von mehr als 200 Personen besucht wird. Hier werden neue Forschungsergebnisse in Form von Vorträgen und Posterpräsentationen vorgestellt. Gleichzeitig ermöglicht das Seminar ein jährliches Treffen der im Bereich Arznei- und Gewürzpflanzen tätigen Akteure.
Eine Anmeldung zur Veranstaltung kann über den Terminkalender der LLG oder die Webseite vom Saluplanta e.V. erfolgen.
Aktuelle Tagungsbroschüre
36. Bernburger Winterseminar
(17.-18.02.2026)
Archiv
35. Bernburger Winterseminar
(18.-19.02.2025)
34. Bernburger Winterseminar
(20.- 21.02.2024)
33. Bernburger Winterseminar
(21.- 22.02.2023)
Blühstreifen und Blühflächen
Blühstreifen und Blühflächen erfüllen in der Kulturlandschaft verschiedene Funktionen. Sie erhöhen die Biodiversität in der Agrarlandschaft, bieten Lebensraum und Nahrungsgrundlage für verschiedene Tierarten (z.B. Insekten wie Wildbienen, Tag- und Nachtfalter, Vögel aber auch Hasen) und vernetzen vorhandene Biotope. Zugleich leisten sie einen wichtigen Beitrag für den Erosionsschutz und können andere wertvolle Biotope vor negativen Einflüssen schützen. Landwirte profitieren zudem von den zahlreichen Nützlingsarten (insb. durch Insekten hinsichtlich der Bestäuberleistung, aber auch durch Insekten und Vögel z.B. bei natürlichen Regulationsleistungen landwirtschaftlicher Schädlinge)
Werden mehrjährige Blühstreifen mit gebietseigenen Wildarten angelegt, sind diese ökologisch sehr hochwertig und weisen viele weitere Vorteile gegenüber den oftmals bekannten einjährigen oder überjährigen Kulturartenblühstreifen auf. Die Strukturen aus gebietseigenen Wildpflanzen bleiben über mehrere Jahre in der Landschaft erhalten und bieten Nahrung und Rückzugsraum für das gesamte Jahr. Die heimische Tierweilt ist an diese gebietseigenen Wildarten angepasst, so dass deutlich mehr Tierarten diese Strukturen nutzen können.
Seit dem Jahr 2010 setzt sich die Landesanstalt für Landwirtschaft und Gartenbau mit diesem Thema auseinander. Im Herbst 2010 und Frühjahr 2011 erfolgte die Anlage eines Blockversuchs mit verschiedenen Blühmischungen, um deren Eignung hinsichtlich einer Nutzung in Agrarumwelt und Klimamaßnahmen (AUKM) zu testen. Darüber hinaus stellten und stellen sich weiterhin Fragen zur Umsetzung einer praktikablen Pflege und der maximalen Standzeit der etablierten Blühstreifen und Blühflächen. Der Versuch wird in Kooperation mit der Hochschule Anhalt durchgeführt.
Als Ergebnis dieses Versuches kam es zur Einführung mehrjähriger Blühstreifen und Blühflächen mit gebietseigenen Wildarten als AUKM. Als erstes Bundesland setzt Sachsen-Anhalt seit 2015 mehrjährige Blühstreifen und Blühflächen innerhalb einer AUKM mit 100% gebietseigenen Wildpflanzen, ausschließlich krautige Arten, um. Es stehen je nach Standort verschiedene Blühmischungen mit 27-30 Kräutern zur Verfügung. Heute werden in Sachsen-Anhalt ca. 5000 ha mehrjähriger Blühstreifen und Blühflächen mit gebietseigenen Wildarten im Rahmen der AUKM gefördert.
➔ Infoschreiben Blühstreifen der LLG & HS Anhalt
➔ Weitere Veröffentlichungen?
Gemeinsame Projekte mit der Hochschule Anhalt (u.a. wissenschaftliche Erfassungen zu Pflanzenarten, Vorkommen von Wildbienen, Vögeln und Falterarten) belegen die hohe Wirksamkeit der Maßnahmen. Die umgesetzten Flächengrößen zeigen, dass die Maßnahmen für die Landwirte praktikabel konzipiert sind und auch mit den fachlichen/qualitativen Vorgaben zu den Wildpflanzen-Mischungen und den Empfehlungen zur Pflege gut akzeptiert werden.
Durch die Aufnahme der mehrjährigen Blühstreifen und Blühflächen in die AUKM des Landes Sachsen-Anhalt wurde es notwendig, Demoflächen zu Lehr- und Schulungszwecken anzulegen. Diese Flächen befinden sich auf dem Versuchsfeld Dampfpflugschuppen. In Schulungen und anderen Fachveranstaltungen wird hier Wissen zur Identifikation der in den Blühmischungen vorhandenen Arten in verschiedenen Entwicklungsstadien (auch im Jungpflanzen-, Rosettenstadium) sowie zur Entwicklung und Pflege solcher Bestände vermittelt. Gerade im Bereich der kontrollierenden Ämter spielt dies bei der Anerkennung der Flächen und somit der Förderung eine wichtige Rolle. Die Demoflächen werden in Kooperation mit der Hochschule Anhalt betreut. Sie werden neben Schulungszwecken auch für Projekte und Exkursionen genutzt.
Neben den Demonstrationsflächen für mehrjährige Blühstreifen und Blühflächen können hier auch Demoparzellen mit gebietseigenen Wildpflanzen zu den Themen Gewässerrandstreifen, Erosionsschutzstreifen, Biogasmischungen und ausdauernde Säume betrachtet werden.
Lichtäcker
Seit 2021 befindet sich auf den Flächen der LLG der Versuch Lichtäcker. Versuche mit reduzierter Ansaatmenge und doppeltem Saatreihenabstand (Getreide) wurden angelegt, um zu testen, inwieweit auch in den ertragsstarken Regionen der Magdeburger Börde hierdurch Ackerwildkräuter gefördert werden können. Es zeigte sich jedoch sehr schnell, dass auf diesen guten Böden zwar auch einige interessante und für die Landwirtschaft unkritische Arten aufkommen (z.B. Acker-Lichtnelke), jedoch der überwiegende Teil der aufkommenden Ackerwildkräuter aus Arten bestand, die auf den landwirtschaftlichen Schlägen nicht expliziert gefördert werden sollten (z.B. Rauken-Arten, Distel-Arten, Melden, Gänsefuß-Arten, Amaranth-Arten). Aufgrund dieser Erkenntnis wurde das Versuchsdesign für das Jahr 2023 modifiziert.
Ein Teil des 2023 angelegten Versuches wurde in eine spontan begrünte Brache überführt. Auf einem anderen Teil erfolgte im April 2023 in den vorhandenen Haferbestand eine Wildpflanzenansaat aus überwiegend mehrjährigen Wiesen- und Saumarten (wie Wiesen-Margerite), so dass auch diese Flächen nach der Ernte direkt in eine Brache überführt wurden, jedoch mit einem bereits etablierten Pflanzenbestand aus gebietseigenen Wildpflanzen. Bei dem Getreideanbau gab es die Varianten der normalen Ansaatstärke, der reduzierten Ansaatmenge und des doppelten Saatreihenabstandes. Hinsichtlich des Wildpflanzensaatgutes wurden jeweils zwei Mischungen mit zwei Ansaatstärken ausgebracht. Die Brache ohne Wildpflanzenansaat und entsprechender Spontanbegrünung mit Ackerwildkräutern aus der Samenbank entwickelte sich völlig unterschiedlich im Vergleich zu der Brache mit der Wildpflanzenansaat. Während sich in der Kontrolle ohne aktive Wildpflanzeneinsaat Problemunkräuter wie Frühlings-Greiskraut (Senecio vernalis), Gänsedisteln (Sonchus arvensis, S. asper), Kompass-Lattich (Lactuca serriola) etablierten, wiesen die Flächen mit aktiver Einsaat einen arten- und blütenreichen Wildkräuterbestand auf, Problemunkräuter waren hingegen kaum bis gar nicht zu finden.
Um die Frage zu beantworten, wie lange ein ausreichender Bestand von Wildunkräutern auf den Flächen der Lichtäcker erhalten werden kann, werden die Flächen weitergeführt und durch ein jährliches, abschnittsweises Mulchen gepflegt. Alle Versuche zu den Biodiversitätsmaßnahmen sind für interessierte Besucher zugänglich und insbesondere in der Vegetationszeit mit kleinen Informationstafeln ausgestattet.
Schaugarten
Die Landesanstalt für Landwirtschaft und Gartenbau betreibt seit 1993 einen Schaugarten, in dem ein- sowie mehrjährige Sonderkulturen wie Arznei- und Gewürzpflanzen, aber auch Öl- oder spezielle Nahrungspflanzen präsentiert werden. Der Schaugarten befindet sich auf dem Versuchsfeld Dampfpflugschuppen in Bernburg-Strenzfeld (Koordinaten: 51°49'33.2"N 11°42'11.2"E), ist öffentlich zugänglich und ermöglicht es allen interessierten, an einem Ort bis zu 40 unterschiedliche, teils exotische Kulturpflanzen mit allen Sinnen kennen zu lernen.





